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Kino-Kritik: Die Summe meiner einzelnen Teile

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teleschau - der mediendienst

1. Februar 2012

Peter Schneider ist einer dieser klassischen Nebendarsteller, dessen Gesicht man kennt, aber nicht zuordnen kann. Das könnte sich ändern: Regisseur Hans Weingartner traute dem 36-Jährigen eine aufreibende Hauptrolle zu, und der Leipziger spielt sie bemerkenswert. "Die Summe meiner einzelnen Teile" ist ein spannendes Experiment über einen Mann, der beruflich und gesellschaftlich den Halt verliert und ihn mit Hilfe eines Jungen wieder findet. Es ist eine Geschichte über die Schaltkreise im Kopf, den Kampf der Synapsen. Auch wenn es verwirrend wird, sollte man bei diesem psychologisch motivierten Film ruhig hinschauen, denn der Österreicher Weingartner studierte Gehirnforschung, bevor er sich dem Kino widmete.


Man könnte meinen, "Die Summe meiner einzelnen Teile" sei die erwachsene Version von "Das weiße Rauschen". Der Paranoia-Trip von Daniel Brühl war vor zehn Jahren das Spielfilmdebüt des Vorarlberger Regisseurs. Die Parallele: In beiden Filmen setzen die Hauptfiguren nach der Entlassung aus der Psychiatrie die verschriebenen Medikamente ab.

Der neue Film beginnt sogar damit. Martin Blunt (Schneider) ist Mathematiker. Nach einem Zusammenbruch und dem Aufenthalt in der Psychiatrie bröckelt auch der Rest seines Lebens. Er findet keinen Halt mehr, weder beruflich, noch bei der Freundin (Julia Jentsch mit einem Kurzauftritt) und verliert schließlich seine Wohnung, die ihm ohnehin nur vom Amt zugewiesen wurde.

Zahlen hielten seine Welt zusammen. Martin zählt alles, in der Hoffnung, ein System zu finden. Das Einzige, was er entdeckt, ist ein kleiner Junge namens Viktor (Timur Massold), der nur Russisch spricht und offensichtlich niemanden hat, der sich um ihn kümmert. Blunt beschützt ihn, lernt von ihm. Sie bauen sich fernab von der Zivilisation eine Hütte im Wald, wo sich schließlich des Patienten Seele, und mit ihm die Kameraführung, beruhigt. Man muss wissen: Ein Kind wird von einem labilen Menschen nicht als Bedrohung empfunden und kommt als Bezugsperson in Frage.

Die psychologische Ebene ist die große Bühne bei eigentlich allen Weingartner-Produktionen. Diesmal ist seine Grundausrichtung ein Stück weg vom bissigen "Free Rainer" oder dem unterhaltsamen Cannes-Beitrag "Die fetten Jahre sind vorbei", in dem er erst lustvoll den Kapitalismus kritisierte, um sich dann wieder dem Subtext zu widmen.

Mitgefühl für die Figuren ist sein Motor. In die Überlegungen, wie jener Mathematiker aus seiner Misere kommen könnte, sei der Junge "einfach in die Geschichte spaziert". In eine Geschichte, in der es jener Blunt nicht in die Gesellschaft zurückschafft; seine Angst vor Nähe steht ihm im Weg. Wieso kann diesem Menschen nicht geholfen werden, mag man einwenden. Und sollte Weingartners Antwort kennen: "Psychiatrische Klinken sind unterbesetzt. Es wird medikamentös behandelt, was das Zeug hergibt. Eine Schachtel Pillen kostet ein Zehntel von einer Stunde Therapie. Und die Schachtel hält einen Monat ..."

Peter Schneiders uneitles Spiel und das einnehmende Wesen von Viktor ermöglichen es, die Herausforderung anzunehmen, sich auf "Die Summe meiner einzelnen Teile" einzulassen. Von dokumentarischem Willen vorwärts getrieben, verwischt Weingartner Wahn und Wirklichkeit, indem er ständig neue Herausforderungen für den Zuschauer bastelt. Das kommt nicht immer an, die Erfahrung machte er schon bei "Das weiße Rauschen". Doch Weingartner bleibt dabei. Wohlfühlfilme machen andere.

Filminfo
Filmbewertung ausgezeichnet 5/5
Filmname Die Summe meiner einzelnen Teile
Originaltitel
Starttermin 02.02.2012
Regisseur Hans Weingartner, Cüneyt Kaya
Genre Drama
Schauspieler Peter Schneider
Schauspieler Timur Massold
Schauspieler Henrike von Kuick
Entstehungszeitraum 2011
Land D
Freigabealter 12
Verleih Wild Bunch
Laufzeit 118 Min.





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