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© ZDF / Alexander Fischerkoesen
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Interview
Veronica Ferres: "Jede Träne wäre verlogen"
Wie spielt man eine Tragödie, die ob ihrer Wucht kaum noch zu begreifen ist? Die deutsche Touristin Billi Cramer, gespielt von Veronica Ferres, verlor während des Tsunamis 2004 in Thailand ihren Mann und beide Söhne. Mit Michael Schäffer (Hans-Werner Meyer), der an gleicher Stelle den Verlust seiner Frau und zweier Töchter hinnehmen musste, gründete sie eine neue Familie. Im ZDF-Film "Tsunami - Das Leben danach" (Sonntag, 5.2., 20.15 Uhr, ZDF) spielt Veronica Ferres nun Billi Cramer. Im Interview erinnert sie sich an die emotional härtesten Dreharbeiten ihres Lebens.
teleschau: Sie spielen Billi Cramer, die ihren Mann und beide Kinder im Tsunami verloren hat. Hatten Sie Angst, die echte Billi Cramer zu treffen?
Veronica Ferres: Das kann man wohl sagen. Mir war selten vor einer Begegnung so mulmig zumute.
teleschau: Manche Schauspieler verzichten auf das Treffen mit real existierenden Personen, die sie verkörpern - um einen eigenen Ansatz zu finden.
Veronica Ferres: Das wäre in diesem Fall nicht gegangen und vor allem sehr respektlos gewesen. Billi Cramer und ihr neuer Mann Michael Schäffer haben bei der Vorbereitung des Drehbuchs sehr geholfen. Sie hat uns sogar ihre Tagebücher überlassen. Es war ihr und auch mein Wunsch, dass wir uns kennenlernen.
teleschau: Wie war dieses erste Treffen?
Veronica Ferres: Wir waren beide ungeheuer nervös. Es war wie bei zwei Menschen, die über eine Partneragentur aneinander vermittelt wurden. Man weiß, dass man gleich einen fremden Menschen trifft, zu dem eine große Nähe entstehen könnte - oder eben nicht, was in diesem Falle aber auch frustrierend wäre und deshalb Angst erzeugt. Ich überlegte, was ich anziehen soll, legte mir Worte zurecht. Als wir uns dann trafen, haben wir erst mal gar nicht über die Sache gesprochen. Wir sind shoppen gegangen, um uns ein bisschen locker zu machen. Billi Cramer hätte mich auch ablehnen können. Dann hätte eine andere Schauspielerin die Rolle spielen müssen.
teleschau: Bestand diese Möglichkeit tatsächlich?
Veronica Ferres: Auf jeden Fall. Wir trafen uns, um zu sehen, ob wir uns das vorstellen können. Ich kam nach diesem Treffen zurück und sagte den Filmverantwortlichen, dass ich es nicht machen werde. Weil ich zu viel Respekt vor dieser Geschichte, vor diesen Menschen hatte. Ich glaubte, dass ich ihrer Größe und Tragik nicht gerecht werden würde. Und da sagte Nico Hofmann, der Produzent, dass ich gerade wegen dieser Einstellung die richtige Wahl sei. Weil ich wegen meiner Bedenken und meines Respekts auch mein Bestes geben würde.
"Jede Träne wäre verlogen"
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Veronica Ferres spielt Billi Cramer. Im Tsunami von 2004 verlor die Deutsche im Thailand-Urlaub ihren Mann und beide Söhne.
© ZDF / Alexander Fischerkoesen
teleschau: Sie haben einige Tage mit Frau Cramer verbracht. Wie haben Sie diese Frau erlebt?
Veronica Ferres: Ich habe Sie als Menschen mit einer wunderbaren Seele und mit ganz viel Kraft kennengelernt. Jemand, der früher sicherlich ein sehr fröhlicher Mensch war. Jemand, der diese Fröhlichkeit in Teilen wieder gefunden hat und sich trotzdem jeden Tag einem großen Schmerz stellen muss.
teleschau: Was, glauben Sie, hat Billi Cramer zurück ins Leben geholfen?
Veronica Ferres: Sie hat ein neues Glück gefunden. Mit einem neuen Mann und einem neuen Kind. Aber sie hat auch alle Brücken in ihr altes Leben abbrechen müssen. Ihre neue Familie ist nach Südfrankreich gezogen, zu sämtlichen alten Freunden wurde der Kontakt abgebrochen. Das klingt brutal. Es ist aber - nach dem, was ich über den Film von der Trauma-Therapie gelernt habe - total nachvollziehbar. Die meisten Menschen, denen etwas so Schlimmes passiert, müssen einen radikalen Schnitt in ihrem Leben vollziehen.
teleschau: Sie drehten an Originalschauplätzen des Tsunamis. Hatten diese Orte eine besondere Wirkung auf Sie?
Veronica Ferres: Ja, ich empfand es ganz stark so. Von den Schäden damals ist heute kaum noch etwas zu sehen. Es ist fast so, als wäre nie etwas gewesen. Irgendwann recherchierte ich mal, wo denn das Hotel war, in dem Billi Cramer 2004 tatsächlich ihre Familie verlor. Da fand ich heraus, dass das Original-Hotel genau neben jenem lag, in dem ich mit meiner Familie wohnte. Da wird einem schon ein wenig anders. Auch die Dreharbeiten mit den Thailändern vor Ort waren besonders. Wenn man dreht, wie Menschen vor einer Welle fliehen, wird plötzlich klar, wie frisch deren Erinnerung ist. Wie bei denen alles wieder hochkommt. Fast alle, die dort leben und die als Statisten oder in kleinen Rollen mitmachten, haben jemanden im Tsunami verloren.
teleschau: Wie haben Sie sich vorbereitet? Zum Beispiel auf jene Szene, in der Ihnen die toten Körper ihrer Familie in Plastiksäcken gegenüberliegen?
Veronica Ferres: So eine Szene kann man nur spielen, wenn man alle Vorbereitung vergisst. Das ist einfach die totale Leere. Jede Träne, die da geweint würde, wäre zu viel. Sie wäre verlogen. Vorbereitet habe ich mich mit Hilfe eines Rettungssanitäters, einer Trauma-Therapeutin und eines Pfarrers. Ihnen habe ich all meine Fragen gestellt. Billi Cramer fragte ich nichts, sie habe ich einfach erzählen lassen. Nachfragen konnte ich nicht.
teleschau: Sind Sie heute froh, die Rolle gespielt zu haben?
Veronica Ferres: Das kann ich nicht klar beantworten. Den Film müssen andere beurteilen. Ich kann nur sagen, dass Vorbereitung und Dreharbeiten das emotional Härteste waren, was ich bisher in meiner Arbeit erlebt habe. In Thailand bekam ich extreme Schlafstörungen und Herzstiche. Ich hatte Angst um meine Familie, die mich begleitete. Immer, wenn wir getrennt waren, habe ich Panik bekommen. Wenn die anderen Mittagspause machten, saß ich oft mit Christine Hartmann, der Regisseurin, an Drehorten, und wir haben einfach geheult.
teleschau: Hat dieser Film Ihre Einstellung zum Leben verändert?
Veronica Ferres: Ja, in vielerlei Hinsicht. Einmal, dass das Reisen in ferne Länder durchaus Gefahren mit sich bringt. Wir fahren heute nach Asien oder Afrika, als wären es die Vororte von Düsseldorf, München oder Hamburg. In Wahrheit betreten wir neue, unbekannte Welten. Mit eigenen Regeln und eben auch eigenen Naturgesetzen. Das andere ist, dass man jeden Tag dankbar sein soll für einen gesunden Körper, den man pflegen sollte. Und für seine Lieben, die Gott einem geschenkt hat.
teleschau: Billi Cramer und ihr neuer Mann Michael Schäffer haben intensiv an diesem Film mitgearbeitet, sie gaben sogar Interviews. Können Sie diese Offenheit verstehen?
Veronica Ferres: Ja. Nach dem, was ich von der Trauma-Therapie gelernt habe, kann ich das sogar sehr gut verstehen. Das Reden ist eine wichtige Form der Verarbeitung. Dabei können auch Journalisten helfen. Voraussetzung ist natürlich, dass man sich jenen Menschen, über die man berichtet, respektvoll nähert. Dass man sie nicht bloßstellt oder ausbeutet. Dann kann dieses Reden auch ein Stück Heilung sein.