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teleschau - der mediendienst

11. Januar 2012
Interview: Tom Bohn: Am Anfang waren die Ameisen... Bild vergrößern 680 1020 http://img2.magnus.de/image-r680x1020-C-5763466e-51276773.jpg © Indie-Stars / Stefanie Grewel
© Indie-Stars / Stefanie Grewel
Interview

Tom Bohn: Am Anfang waren die Ameisen...

"Nicht jeder Schatz besteht aus Silber und Gold, weißt du." Mit den Worten Johnny Depps aus "Fluch der Karibik" begrüßt der Regisseur Tom Bohn den Leser auf seiner Homepage. Den Beweis dafür trat der 52-Jährige nun selbst an. "Reality XL" heißt sein Independent-Film, der am 12. Januar in den Kinos startet.

Ein Sci-Fi-Thriller. Heiner Lauterbach spielt einen Professor im Schweizer Kernforschungsinstitut CERN. Mehr als 20 Wissenschaftler betreten am Abend den Kontrollraum des Teilchenbeschleunigers, am Morgen danach kommt nur er alleine wieder heraus. Was ist geschehen? Diese Frage soll das Verhör klären, das unter anderem Max Tidof und Annika Blendl führen. Ein surrealer Trip durch die Seelenwelt eines Einzelnen und zugleich die Frage nach dem, was alles zusammenhält. Ein besonderer Film, auch was seine Entstehung betrifft. Denn Bohn verzichtete auf jede Förderung, ging selbst ins Risiko und mit ihm sein Team. Im Gespräch gewährt der Mann, der bereits zahlreiche "Tatorte" und Fernsehfilme inszenierte, einen Blick hinter die Kulissen einer komplett unabhängigen Produktion. Und formuliert so einen Aufruf zur Freiheit ...

teleschau: Ist es wahr, dass Sie für diesen Film zwei Lebensversicherungen gekündigt haben?

Tom Bohn: Das stimmt.

teleschau: Sie müssen verrückt sein.

Bohn: Keineswegs. Bevor wieder irgendwer von einer Versicherung mit meinem Geld eine Puffreise macht ... Aber im Ernst: Ich habe das schon auch unter dem Eindruck der Eurokrise entschieden. Die Frage war: Wo ist mein Geld am besten angelegt? Bei einer Lebensversicherung, bei der ich mich in neun Jahren fragen muss, was überhaupt rauskommt? Oder in Filmrechten! So verrückt ist es dann gar nicht, in einen Film zu investieren: in meinen eigenen.

teleschau: Film als Altersvorsorge ...

Bohn: ... kann ich nur empfehlen. Inzwischen lässt sich dank der Digitaltechnik für wenig Geld viel Film machen. Filmrechte zu besitzen, ist im Medienzeitalter mit den vielfältigen Vermarktungsanlagen eine absolut gute Geldanlage.

teleschau: Aber hätten Sie überhaupt Förderungen für diesen Film bekommen?

Bohn: Sicher nicht. Ich wollte einen Film drehen, der sich unterscheidet von dem, was hier in Deutschland üblich ist. Von der Machart, vom Thema her und nicht zuletzt auch von der Geschwindigkeit her, mit der er produziert wurde. Die Forschungen von CERN sind ein aktuelles Thema, das gerade jetzt immer wieder in den Schlagzeilen ist. Hätte ich mit der Unterstützung vom Fernsehen und mit einer Förderung gearbeitet, würde ich vermutlich jetzt anfangen können zu drehen. So aber kommt "Reality XL" jetzt schon ins Kino.

teleschau: Aber ohne Förderung lässt sich ein Kinofilm doch kaum stemmen.

Bohn: Doch, das geht. Früher war das anders. Wenn da jemand mit 1,5 Millionen Euro ins Risiko gegangen ist und sein Film floppte, war er ruiniert. Inzwischen lässt sich Film für wesentlich weniger Geld machen. Wenn der Inhalt passt, findet man außerdem schnell Leute, die dabei sein wollen, auch wenn es finanziell für sie auf Rückstellung geht. Es ist Zeit, dass wir als Kreative wahrnehmen, dass wir die Förderung nicht unbedingt brauchen. Und auch die Fernsehsender nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will das etablierte System nicht verurteilen. Aber ich bin mir sicher, dass sich eine Independentszene in Deutschland bilden wird. Deren Filme dann trotzdem die üblichen Vermarktungswege durchlaufen: Kino, DVD, On-Demand, Fernsehen.

teleschau: Worauf müssen junge Filmemacher dann achten?

Bohn: Wenn man als junger Anfänger einen Independent-Film macht, ist das Selbstmord. Denn die große Gefahr ist immer, dass man aus Mangel an Erfahrung und Fachwissen falsche Entscheidungen im Rahmen der Produktion trifft. Hätte ich bei diesem Film die Fehler begangen, die ich bei meinen ersten drei Langfilmen gemacht habe, wäre das Ergebnis in der Tonne gelandet. Film ist eben nicht Abenteuerurlaub, Film ist Handwerk.

teleschau: Bei "Reality XL" ist von einem Budget von rund 90.000 Euro die Rede. So oder so ist das für einen Langfilm extrem wenig.

Bohn: Das ist schon richtig, aber es lässt sich heute auch für eine Viertelmillion ohne Probleme 90 Minuten Kino machen. Ich bin sicher, dass diese Art der Filme im Kommen ist. Denn sie sind kein Risiko: Das Geld spielst du wieder ein ...

teleschau: Aber ein Star muss sein. In Ihrem Fall Heiner Lauterbach. Der arbeitet doch nicht umsonst.

Bohn: Heiner hatte an Professionalität alles, was er bei anderen Filme auch bekommt. Klar hatte er auch seinen Wohnwagen am Set.

teleschau: Der Geld kostet ...

Bohn: Ach was. Ich ging zu Bekannten und fragte sie, ob sie bereit wären, mir den Wohnwagen zu leihen. Deren Bedingung war: Sie wollten ein Autogramm von Lauterbach. Heiners Hauptmotiv war, dass ihm das Buch gefallen hat. Wenn wir jetzt Geld einspielen, zahlen wir ihn wie alle anderen aus. Alle, die mitmachen, tragen einen Teil des Risikos bei dem Film.


teleschau: Was muss denn passieren, damit der Film in die Gewinnzone kommt?

Bohn: Wir brauchen im Kino einen Achtungserfolg: Wenn wir den haben, kriegen wir ihn gut in den Weltvertrieb und auch als DVD und an TV-Sender verkauft. Wenn er komplett floppt, werden die Verträge danach sicher nicht so gut werden. Und jetzt wollen Sie sicher wissen, was ein Achtungserfolg ist ...

teleschau: Natürlich.

Bohn: Wenn man mit 20 Kopien 30.000 Zuschauer hat, dann ist es ein Achtungserfolg. Wir starten mit 21. Wenn's klappt, kriegen wir die Aufmerksamkeit, die wir brauchen, um kräftig nachzulegen.

teleschau: Entscheidend wird das Startwochenende sein.

Bohn: Schon der Donnerstag ist immens wichtig. Von den Blockbustern her sind es die Leute gewöhnt, dass sie warten können, bis das Kino nicht mehr ganz so voll ist. Bei kleinen Filmen ist das anders. Freitagfrüh um drei sind die Würfel eigentlich schon gefallen. Wenn da nichts gegangen ist, wird in den Kinos schon drüber nachgedacht, den Film wieder rauszuwerfen.

teleschau: Sie haben Ihre Idee mit viel Herzblut verkaufen müssen. Bei Cast und Crew, bei den Kinos ...

Bohn: Klar, du musst den Entertainer mimen. Es ging darum, die Leidenschaft zu transportieren. Aber natürlich stieß ich auch an Grenzen. Bei den Verleihern zum Beispiel. Da habe ich zappeln können, wie ich wollte. Da gibt es ein paar, die sind so zu mit den Förderungsstoffen, die haben gar keine Kapazitäten mehr. Und bei manchen trifft man schon auf echte Schnarcher. Manches Mal habe ich mich schon gefragt, ob man so seine Geschäfte führen sollte. Also war klar: Auch den Verleih würden wir selbst übernehmen müssen.

teleschau: Haben Sie nicht für zukünftige Projekte viel verbrannte Erde hinterlassen?

Bohn: Ach nein, ich weiß jetzt eben nur, dass ich mich mit einem Independent-Film an die deutsche Verleiher-Szene gar nicht erst zu wenden brauche.

teleschau: Aber Sie gingen sehr offensiv mit dem Thema in die Öffentlichkeit. In Ihrem Blog, aber auch bei Facebook schildern Sie nachdrücklich den gesamten Entstehungsprozess des Filmes, dort finden sich Lob und Schelte gleichermaßen.

Bohn: Ich dachte dabei an andere Filmemacher, die es auch alleine versuchen wollen. Es ist ein richtiges Handbuch für andere entstanden. Und da darf die Öffentlichkeit ruhig daran teilhaben. Wir müssen das Filmemachen weiter demokratisieren. Raus aus dem Nadelöhr der Fremdfinanzierung, hin zu einer eigenständigen Filmszene.

teleschau: Diese Form von Transparenz klingt sehr nach Piratenpartei.

Bohn: Richtig. Seit einigen Monaten bin ich Mitglied. Begleitet habe ich sie schon eine ganze Weile. Sie hat meine Sympathien, weil mich deren Themen einfach interessieren. Das Internet ist das Thema der Zukunft. Es lässt sich nicht kontrollieren. Dass wir im Zeitalter der Digitalisierung über alte, verkrustete Strukturen nachdenken müssen, ist doch klar. Und ich finde, dass die Piraten hier die zukunftsträchtigsten Ideen haben. Sie machen allerdings auch etwas Wichtiges falsch.

teleschau: Nämlich?

Bohn: Mit ihrer Haltung in Sachen Urheberrecht machen sie viele Künstler brotlos. Schon deswegen bin ich Mitglied geworden, um in den Ausschüssen hier mitzuarbeiten. Es kann nicht darum gehen, den Kreativen ihre einzige Einflussmöglichkeit zu nehmen, nämlich das Urheberrecht. Wohl aber bin ich komplett gegen die Kriminalisierung von Verbrauchern, die im Internet etwas runterladen. Als Jugendlicher nahm ich auch Musik vom Radio auf und tauschte sie mit anderen. Das ist doch heute nichts anderes.

teleschau: "Reality XL" nimmt sich eines sehr komplexen Themas an. Es geht um Kernforschung, Aufbau von Materie, den Doppelspaltversuch. Was reizt Sie an diesen Themen?

Bohn: Mich interessiert einfach die Frage: Warum bin ich da, woraus bin ich gemacht, was ist der Sinn? Wenn man sich überlegt, dass die reine Materie im ganzen Universum in einen Stecknadelkopf passt ... ich will anregen, auch mal über so was nachzudenken. Solche Gedanken kommen mir im Alltag.

teleschau: Zum Beispiel wann?

Bohn: Ich erinnere mich an die Dreharbeiten zu einem "Polizeiruf" in Brandenburg. Im Wald entdeckte ich einen Riesenhaufen Ameisen. Die arbeiteten alle in ihrer eigenen Welt, aber sie wussten nicht, dass da einer danebensteht. Dass sie einer beobachtet. Sie wussten nicht, dass es eine Erde gibt, einen Mond. Sie sind schlicht in ihrem Ding drin. Und womöglich ist das bei uns ganz genauso. Ich bin sicher, dass wir vieles, was um uns herum ist, nicht erkennen, obwohl es da ist. Dass wir nun rausfliegen, das All erforschen wollen, das ist meines Erachtens zu kurz gedacht. Die Wahrheit liegt ganz nah, nicht im Universum. Wir sehen sie nur nicht.

teleschau: Sind Sie noch in der Kirche?

Bohn: Nein, aber ich bin gläubig.

teleschau: Das Thema Religion gehört mit in dieses Themenspektrum.

Bohn: Sicher, ich bin ein gläubiger Mensch. Nicht im Sinne der Religion. Aber ich glaube an eine Kraft, die uns leitet. Ich vertraue darauf, dass das Leben einen Sinn hat. Übrigens gibt es auch im CERN viele Wissenschaftler, die religiös sind. Forschung und Glaube schließen sich nicht aus.

teleschau: Sie sagen, dass der Zuschauer letztendlich den Film gar nicht verstehen kann. Ist das nicht eine These, die eher abschreckt?

Bohn: Sie ist aber die Wahrheit (lacht). Die Amerikaner machen das ja absichtlich. Die bauen in ihre Filme bewusst logische Fehler ein, damit sich die Leute Gedanken machen, sich Fragen stellen und den Film noch einmal anschauen. Das war bei "Matrix" so, auch bei "Inception". Und natürlich ist es auch bei uns so. Dieses Thema ist nicht vollständig zu begreifen. Aber es ist eben ein Zeichen unserer Zeit, dass die Menschen immer einen Beweis für alles fordern, sonst glauben sie es nicht.

teleschau: Was auch zu einer in der Branche gerne gestellten, aber gefährlichen Frage führt: Wie klug ist der Zuschauer?

Bohn: Wir haben Testvorführungen vom Rohschnitt gemacht. 30 junge Menschen zwischen 18 bis 30 sahen den Film, und sie sollten sich auf keinen Fall danach zurückhalten. Wir hatten schon Sorge, dass die uns abservieren. Aber: Sie fanden es toll. Wir unterschätzen, zu was Menschen in der Lage sind. Wir tendieren dazu, jenen zu glauben, die behaupten, dass die Menschen zu blöd seien, um zu begreifen, was Sache ist. Unterbewusst werden hier die Gedanken all jener übernommen, die uns nur noch als Stimmvieh, als Verbraucher sehen. Aber: Der Mensch ist nicht dumm. Wenn wir mit diesem Film nicht landen, liegt es sicher an uns, nicht am Zuschauer.

teleschau: Aber um den Anspruch im deutschen Fernsehen ist es in großen Teilen nicht allzu gut bestellt.

Bohn: Vergessen Sie nicht: Auch hochintelligente Menschen schauen sich mal im Fernsehen den größten Mist an. Weil es eben auch als Entspannung funktioniert. Das Fernsehen taugt nicht als Beweis dafür, dass die Menschen dumm sind.

teleschau: Wie viel Zeit hat Sie dieser Film gekostet?

Bohn: Ein gutes Jahr.

teleschau: Er bedeutet ein großes persönliches Risiko. Haben Sie sich manchmal gefragt, ob Sie sich nicht besser irgendwo an den Strand gelegt hätten?

Bohn: Nein, es war das Beste, was ich machen konnte. Das Beste, was ich als Filmemacher bisher gemacht habe.. Ich habe viele tolle Leute kennengelernt, viel über die Branche, viel über das Leben gelernt. Es ist auf jeden Fall die bestinvestierteste Kohle meines Lebens, selbst wenn es ein Komplettabsturz wird. Glauben Sie mir: Wenn ich mal Enkel haben sollte, dann werde ich Ihnen nicht von den "Tatorten" erzählen, sondern von diesem Film.



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