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teleschau - der mediendienst

8. Februar 2012
Interview: Thomas Hermanns - Der Mann mit den Schnittchen Bild vergrößern 680 1024 http://img1.magnus.de/image-r680x1024-C-4ff5584e-51790138.jpg © ProSieben / Stefan Maria Rother
© ProSieben / Stefan Maria Rother
Interview

Thomas Hermanns - Der Mann mit den Schnittchen

Er trägt nicht nur das strahlendste Gewinner-Lächeln der Unterhaltungsbrache, sondern ist auch ein Entdecker, der andere gerne glänzen lässt: Thomas Hermanns hat vor 20 Jahren auf der Hamburger Reeperbahn seinen ersten "Quatsch Comedy Club" eröffnet und damit die Stand-up-Comedy nach Deutschland gebracht - und ProSieben dafür begeistern können. Dort steigt am Donnerstag, 9. Februar, um 20.15 Uhr, auch die große Gala "20 Jahre Quatsch Comedy Club" mit Stars wie Michael Mittermeier, Bülent Ceylan, Cindy aus Marzahn und Oliver Pocher.

teleschau: Herr Hermanns, haben Sie eigentlich das Gefühl, selbst so etwas wie historisch zu werden?

Thomas Hermanns: Klassisch! Der Club ist ein Klassiker. Es sind ja nicht nur die 20 Jahre live, sondern auch 15 Jahre bei ProSieben. Damit sind wir die am längsten laufende Comedysendung im deutschen Fernsehen. Ich glaube, wir sind sogar die am längsten laufende ProSieben-Sendung, die es gibt. Ich glaube, nur "SAM" war bislang so ausdauernd wie unsere Show. Man fühlt sich klassisch, aber eben noch nicht erwachsen.

teleschau: Haben Sie schon mal für ein eigenes Standbild Maß nehmen lassen?

Hermanns: (lacht) Ich würde gerne bei Madame Tussaud's aufgenommen werden. Aber dafür ist es vermutlich erst nach 25 Jahren soweit. Es ist schon irre: Man hat nicht nur das Gefühl, dass man einen Comedyclub erfunden hat. Ich habe auch ein Berufsbild geschaffen, das es vorher so nicht gab. Außerdem hatte ich in der Show zuletzt schon 14-jährige Künstler anmoderiert. Die wurden also gezeugt, da waren wir schon auf Sendung. Das fühlt sich sehr generationenverbindend an.

teleschau: Fühlen Sie sich denn als Übervater der Zunft?

Hermanns: "Elder Statesman" würde mir besser gefallen. Da schwingt so eine Gelassenheit mit, dass man eben schon viel erreicht hat und nun mit einer gewissen Ruhe auf die Dinge blicken kann. Außer mir und Renate Berger, der künstlerischen Leiterin des "Quatsch Comedy Club", gibt es in Deutschland vermutlich niemanden, der so viele Comedy-Nummern im Kopf hat, wie wir in den 20 Jahren gesehen haben. Wir können manchmal miteinander ein Quiz veranstalten: Dabei werfen wir uns gegenseitig Punchlines an den Kopf - und der andere ordnet sie dem entsprechenden Künstler zu.

teleschau: Laufen die Nummern eigentlich immer weiter - wenn Sie abends mal die Augen zumachen?

Hermanns: Nein, das Schöne ist, dass ich abends immer in den Club gehen kann - und dort immer eine Show läuft. In Berlin spielen wir über 350 Shows im Jahr. Ich setze mich gerne heimlich hinten rein - und genieße es, das Publikum und die Künstler zu beobachten. Es ist ein tolles Gefühl, dass genau das, was vor 20 Jahren an einem Tisch mit sieben wild entschlossenen Leuten ausgeheckt wurde, nun solche Früchte trägt. Ich konnte mir die Ausmaße, die alles nun angenommen hat, eigentlich nie vorstellen. Im Grunde haben wir eine Industrie in Gang gebracht.

teleschau: Wenn Sie zurückblicken: Was war denn Ihr Ehrgeiz, als sie einst mit den ersten Shows vors Publikum traten?

Hermanns: Ich bin eigentlich im Export-Import-Geschäft tätig. Deswegen war ich mit der Situation in Deutschland unzufrieden. Damals musste ein Komiker stets ein gesamtes Abendprogramm über 90 Minuten Länge bestreiten, um überhaupt auftreten zu können. Mir gefiel dagegen die abwechslungsreiche amerikanische und englische Variante der "gemischten Platte" mit mehreren Künstlern und einem Moderator viel besser. Anfangs trieb mich einfach der Servicegedanke an: Ich wollte den Leuten mehr Künstler mit kürzeren Nummern und mehr Lachern bieten. Außerdem gefielen mir die Stand-upper so gut: Die stehen allein - und ohne jegliches Hilfsmittel und ohne Musik - auf der Bühne. Und dann schlägt für sie die Stunde der Wahrheit.


teleschau: Hatten Sie denn nie Mitleid mit den Künstlern, die Sie so ganz ausgesetzt und schutzlos dem Publikum vorwarfen?

Hermanns: Es ist doch wie Sex: Wenn es klappt, ist es super. Wenn es nicht klappt, also keiner lacht, ist es der größte Liebesentzug, den man auf einer Bühne erleben kann. Wir wissen ja schon nach 30 Sekunden, ob das funktionieren wird. Der Sänger auf der Bühne muss erst mal sein Lied zu Ende singen oder seinen Gag zu Ende bringen. Wenn es gut läuft, gibt es nichts Schöneres, als einen Raum mit einfachsten Mitteln zum Lachen zu bringen. Wenn der Funke nicht überspringt, ist man auf der Bühne der einsamste Mensch der Welt. Aber diese Erfahrung schweißt uns Künstler zusammen: Jeder einzelne von uns hat diese Prüfung schon so oft durchgemacht.

teleschau: Kann man das Spontansein eigentlich trainieren?

Hermanns: Aber ja. Ich unterrichte das auch und hatte früher schon wirklich witzige Klassen, in denen Hennes Bender, Mario Barth und Eckart von Hirschhausen gleichzeitig saßen. Ich sage immer: 50 Prozent sind Talent, die restlichen 50 Prozent sind Technik. Die kann man lernen. Bei meinem ersten eigenen Anmoderations-Monolog auf der Bühne war das Talent schon zu erkennen, mir fehlte aber die Technik. (lacht) Deswegen bin ich durch mein Bühnen-Debüt damals auch ohne Lacher durchgekommen.

teleschau: Hat es Sie eigentlich trotz dieser Panne nie gejuckt, selbst als Comedian auf der Bühne zu stehen?

Hermanns: Nee, ich wollte immer der Gastgeber sein. Ich hatte nie den Ehrgeiz, ein komplettes Programm zu haben. Das verlangte eine andere Haltung und man muss andere Dinge können. Als "Host" einer Show, wie das die Engländer sagen, muss man gute Rampen bauen, sodass die Künstler optimal loslegen können. Außerdem muss man das Publikum anfänglich an die Hand nehmen. Die Gastgeber-Rolle ist ein bisschen wie Zauberei: Wenn sie nicht funktioniert, merkt man das sofort - und dann läuft der ganze Abend nicht. Ein guter Gastgeber ist bei einer erfolgreichen Party den ganzen Abend über unsichtbar. Sie läuft einfach, und man merkt gar nicht, wer die Schnittchen hinstellt. Ich wollte von Anfang an immer die Schnittchen im Auge behalten.

teleschau: Wenn Sie die Gala mit Ihren großen Stars ansprechen: Gibt es da eigentlich Gezicke hinter der Bühne - etwa, wer die beste Garderobe erhält?

Hermanns: Nein. Das gab's bei uns wirklich noch nicht. Wir hatten immer ein sehr demokratisches strenges Gerüst - mit klaren Regeln. Dadurch haben wir keine Allüren hochkommen lassen. Somit gibt's bei uns einfach keine Diskussion über die Massage-Plätze im Backstage-Bereich oder die Frage, wo ein Künstler seinen Porsche parken darf.

teleschau: Lassen Sie sich von den ganz Großen, die längst flügge geworden sind, noch gelegentlich den Ring küssen? Als Elder Statesman, versteht sich.

Hermanns: Ich gehe ja nicht durch die Nation, klopfe Leuten auf die Schulter und verkünde ihnen: Du wirst jetzt ein Comedy-Star. Ringküssen - nein. Respekt - ja. Aber im Ernst: Die Verbundenheit in der Szene ist doch noch ziemlich eng. Es gibt bei uns wenig Rumgezicke - im Vergleich zur Pop-Industrie oder den Filmleuten.

teleschau: Womit bringt man Sie persönlich garantiert zum Lachen?

Hermanns: Ich war immer ein großer Fan des Surrealen - und stand deshalb gern an der Johann-König-, der Olaf-Schubert- oder der Alf-Poier-Front. Mir gefallen diese Comedians am besten, bei denen man sich immer fragt: Von welchem Planeten kommen die eigentlich? Außerdem beeindrucken mich diejenigen, die aus einfachsten Alltagssituationen das Grundsätzliche herausarbeiten können. Als wir anfingen, sprach niemand über das ganz Alltägliche. Kabarettisten redeten über Politiker. Niemand sprach über einen Einkauf bei Ikea oder über dämliche Werbesports oder Frau Feldbusch.

teleschau: Wie sieht denn der Moment aus, wenn Sie mal Ihre alltägliche Comedy-Welt hinter sich lassen wollen? Sehen Sie sich dann finnische Kunstfilme auf ARTE an, um ein bisschen runterzukommen?

Hermanns: (lacht) Genau, gute Strategie. Ich sehe aber viele amerikanische Komödien, weil die in den letzten Jahren einfach zu einer Topform aufgelaufen sind. Die dürfen gerne auch mal zwischendurch traurig sein. In der Hinsicht trauen sich die Amerikaner noch viel mehr. Dieser Mut ist, glaube ich, für die deutschen Komiker der nächste Schritt.

teleschau: Mit der Gala zum "Quatsch"-Geburtstag ziehen Sie viel Aufmerksamkeit auf sich. Wie geht es denn danach weiter?

Hermanns: Schauen wir mal. Aber zunächst einmal wird unsere Gala alle Grenzen sprengen. Allein das Opening stellt alles Bisherige in den Schatten. Ich habe das Gefühl, die Sendung wird mindestens vier Stunden lang. Es wird im besten Sinne das "Vom Winde verweht" der deutschen Comedy werden - und einfach nicht aufhören. Wenn wir danach noch gefeiert und getrunken haben, dann denken wir mal an die Zukunft. Das nächste Special steht im November an. Wie ich uns kenne, fangen wir schon am nächsten Morgen verkatert an, diese Sendung zu planen.

teleschau: Und dann wird die 50-Jahrfeier vorbereitet, oder?

Hermanns: (lacht) Selbstverständlich. Aber eigentlich ist dann als erstes heiliges Datum die 25-Jahre-Ausgabe dran. Den 50. Geburtstag werde ich vermutlich nicht mehr schaffen. Ich muss mich dann noch einige Zeit um den Ehrenpreis beim Deutschen Comedypreis drücken. Wir haben noch viel vor.



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