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25. Januar 2012
Hintergrund: Sven Nuri: "Diese Geschichte muss erzählt werden" Bild vergrößern 680 320 http://img2.magnus.de/image-r680x320-C-90ea5871-51435039.jpg © Toccata Film
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Hintergrund

Sven Nuri: "Diese Geschichte muss erzählt werden"

In Zeiten, in denen Produzenten mantraartig über knappe Mittel lamentieren und gleichzeitig einschlägige Filmschmieden Millionenbudgets in Kitsch vom Fließband pulvern, scheint ein Film wie dieser eigentlich gar nicht möglich. Denn "Tage die bleiben" verhandelt nicht nur ein Tabu-Thema, es ist auch ein absoluter "Low-Budget-Film", wie Produzent Sven Nuri (34) erklärt - mit dem Augenzwinkern des Filmemachers, der weiß, dass hier das beinahe Unmögliche möglich gemacht wurde.

Nach über sechs Jahren Vorlauf und Produktionszeit kommt das von Nuris Firma Toccata-Film realisierte Debüt von Regisseurin Pia Strietmann (33) am 26. Januar in die Lichtspielhäuser - ein Kinostart, dem die jungen Macher mit berechtigtem Stolz, aber auch gemischten Gefühlen entgegensehen: Einerseits sind sie glücklich, es bis hierhin geschafft zu haben; andererseits umtreibt sie die bange Frage: Was, wenn ihr Film vom Publikum übersehen wird, wenn sich der ganze Aufwand der letzten Jahre nicht gelohnt hat?

Nachdem bei der Vorpremiere im Münchner "Monopol"-Kino der tosende Applaus abgeebbt war, waren sie beinahe zu hören, die dicken Steine, die Sven Nuri und seinem Team vom Herzen plumpsten. 106 Minuten um eine um die Mutter trauernde Familie können erstaunlich packend sein, keine Frage: Die Geschichte berührt, der Film kommt an. Aber er läuft gleichzeitig mit einigen Hochkarätern an, darunter George Clooneys "The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten" (von "Sideways"-Regisseur Alexander Payne), ein Streifen, der sich mit dem gleichen Thema auseinandersetzt wie "Tage die bleiben".

"Natürlich reiner Zufall", wie Nuri beteuert, der sich "schon etwas erschrak", als er erfuhr, mit welcher Konkurrenz er es zum Start zu tun haben wird. Aber ob das nun ein Fluch für seine Produktion ist oder ein Segen, werde sich noch herausstellen, sagt der Produzent. Denn, wer weiß, vielleicht lenkt der Hollywoodstreifen noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit auf "Tage die bleiben". Fakt ist: Der Kinostart markiert das Happy End einer wundersamen Erfolgsgeschichte, die Nuri rückblickend auch schon mal schmunzelnd einen "Kampf" nennt und die schon deshalb erzählt werden soll, weil sie gewiss in vielerlei Hinsicht charakteristisch ist für die Anstrengungen ambitionierter Nachwuchsfilmemacher in diesem Land. Aus der mit viel eigenem Schicksal aufgeladenen Idee einer Jungregisseurin erwuchs ein eindringliches Drama, das sich mit selten gesehener Sensibilität mit Tod und Trauer auseinandersetzt und mit einem hochkarätigen Cast um Jungstar Max Riemelt überrascht.

Kein Krimi, kein Thriller. Nicht mal ein politisch brisanter Hintergrund ist auszumachen. "Tage die bleiben" ist kaum mehr als eine Episode aus dem Leben, die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt: Die Mutter einer vierköpfigen Familie stirbt bei einem Verkehrsunfall. Zurückbleiben Vater Christian (Götz Schubert), der in Berlin lebende Sohn (Max Riemelt) und die pubertierende Tochter (Mathilde Bundschuh). Der Film analysiert nun mit unter die Haut gehender Lebensnähe, was in den Tagen zwischen Unfall und Beerdigung mit den Familienmitgliedern passiert. In einem Münster, wie man es aus den "Wilsberg"- oder "Tatort"-Krimis kennt, dreht sich das Leben weiter. Aber der überforderte Vater steht vor dem Nichts: Er verlor die Ehefrau, die Familie droht zu zerfallen, und auch die Geliebte (Tessa Mittelstaedt) kann jetzt nicht einfach so weitermachen mit ihm, dem notorischen Fremdgänger. Ausgerechnet der vor dem Provinzmief und der Enge der gutbürgerlich situierten Familie geflohene Sohn müsste in die Bresche springen und die Angelegenheiten richten - die kleinen, wie die Frage, welcher Sarg es denn für Mama sein soll, und die großen, zu denen vor allem Erste Hilfe für verletzte Seelen gehört. Dabei hat er selbst keine Ahnung davon, wie das geht mit der Trauer ...


106 Minuten voller Wahrheiten über das Leben und den Tod, voll mit "echtem" Gefühl, aber auch etlichen absurden Momenten: "Tage die bleiben" ist kein unkommerzielles, bleischweres Stück Kino, sondern ein durchweg eingängiger, überzeugend gespielter Ensemblefilm mit Tempo, hoher Erzähldichte und einer universellen Story - jeder sieht sich früher oder später mit dem Thema "Verlust" konfrontiert. Max Riemelt, der Star aus vielen TV-Filmen und der Dominik-Graf-Serie "Im Angesicht des Verbrechens", ist überzeugt, "dass der Film ganz viele Menschen ansprechen wird, weil man sich mit vielem identifizieren kann. Es ist meistens so, dass Familiengeschichten gut funktionieren, wenn sie gut gemacht sind."

Die aus Münster stammende Regisseurin Pia Strietmann, wie Sven Nuri Absolventin der Filmhochschule München, hat im Drehbuch viel eigenes Leben verarbeitet. "Als mein Vater vor einigen Jahren völlig überraschend starb, fühlte ich am schwersten den Verlust der Möglichkeit zu einer Auseinandersetzung mit meiner Familie", erklärt sie. "Mir war lange nicht bewusst, wie fragil unser Leben eigentlich ist, wie schnell sich alles verändern kann." Niemand spreche über die Tage zwischen Tod und Beerdigung eines geliebten Menschen, überhaupt seien Tod und Trauer "immer noch tabu in unserer Gesellschaft". Nun macht sie "Tage, die bleiben" transparent - mit einer Gratwanderung: Der Film ist heiter im Grundton, verrät aber nie die Ernsthaftigkeit seines Themas.

Dass viele namhafte Schauspieler mitwirkten, obwohl bei der Produktion alles andere als Traumgagen gezahlt wurden, spricht für sich. "Da siehst du mal, wie dankbar wir sind, wenn wir gute Stoffe kriegen", sagt Andreas Schmidt ("Sommer vorm Balkon"). "Das passiert ja nicht oft, dass sich jemand wirklich hingesetzt hat und lange an einer Sache gearbeitet hat. Da will man jemandem auf den Weg helfen, und da will man auch dabei sein." Auch der Berliner Charakterdarsteller, der hier in einer Nebenrolle als Polizist und Nachbar zu sehen ist, darf sich für seine Entscheidung, zum Quasi-Selbstkostentarif mitzumachen, im Nachhinein auf die schmalen Schultern klopfen. Denn was nun mit einem lauten Knall, dem heftig inszenierten Horrorcrash, beginnt, ist ein stiller, aber auch ein großer Film - und er entstand voraussichtlich immerhin kostendeckend, wie Sven Nuri, der "Tage die bleiben" gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Fritz Böhm produzierte, resümiert. Das Budget lag bei etwa 1,2 Millionen Euro, also allenfalls auf "Tatort"-Niveau, "und so wie es aussieht, werden wir bei dem Projekt zumindest nicht draufzahlen". So was nennt der bescheiden und geerdet auftretende Filmemacher schon einen Erfolg. Der eigentliche Erfolg besteht ohnehin darin, dass es diesen Film überhaupt gibt.

Mit 25 Kopien geht "Tage die bleiben" nun in die Kinos - was nicht viel erscheint, Sven Nuri aber als "sehr ordentlich" bezeichnet. Sicher ist, dass der Film 2013 in den Debütreihen der Dritten Programme der als Koproduzenten beteiligten Sender WDR und BR ausgestrahlt wird. "Im besten Falle", so der Produzent, gelingt es, den Film auch in der alljährlichen nächtlichen "Debüt im Ersten"-Reihe im ARD-Programm zu platzieren. Nuri nennt das einen "Traum", und das sagt einiges aus über das Verhältnis von TV-Filmen und solchen Kinoproduktionen, die etwa im Gegensatz zu den leichtgewichtigen Degeto-Stoffen am Freitagabend so gut wie keine Chance auf eine Primetime-Ausstrahlung haben. Aber Nuri jammert nicht. "Vielleicht", sagt er, "gibt es auch noch ein paar Kröten, wenn der Film ins Ausland verkauft werden kann".

"Schon vor zehn Jahren an der Hochschule kamen die Produzenten mit Trauerminen in die Klassen, um zu erzählen, wie schlimm alles ist", lacht Nuri. Er ist trotzdem Filmproduzent geworden - ein Beruf, "der etwas mit Passion zu tun" habe. Aber die Konkurrenz ist groß. Und: "Das Einzige, was du machen kannst, ist, Stoffe zu entwickeln, die besser sind als die der anderen." Nuri unterstreicht: "Wir wollten diesen Film unbedingt machen - weil wir an das Thema glaubten und fanden, dass diese Geschichte einfach erzählt werden muss." Ein Satz, den man in Variationen immer wieder von ihm hört: "Wenn man eine gute Story hat und voll dahinter steht, dann schafft man das auch." Seine Branchenerfahrungen seien jedenfalls positiv - trotz der kräftezehrenden Bemühungen um Fördergelder, um einen Verleih (beim kleinen Ostverleih "alpha medienkontor" wurde man fündig), um die Pressearbeit oder das aufwendige Arrangement der Stuntszene am Anfang des Films.

Klar ist natürlich: Ein solches Projekt lebt nicht allein von den Zahlen. "Tage die bleiben" machte seit Januar 2011 die Runde auf Filmfestivals und heimste reihenweise Preise, lobende Erwähnungen und Kritikerstimmen ein. So etwas ist für eine kleine Produktionsfirma zweifellos das, was man einen Türöffner nennt. "Wir wollen uns schon das Vertrauen erwerben, demnächst größere Produktionen machen zu dürfen", räumt der Wahlmünchner ein, der lieber über Inhalte und Emotionen als über nackte Zahlen redet. "Es soll so sein, dass man mit einem positiven Gefühl rausgeht", hofft Nuri nun. Und auch wenn der Film mit einer Beerdigung endet, erfüllt er das Kriterium definitiv. "'Six Feet Under' ist eine Serie, die bei uns hoch im Kurs steht", verrät er wenig überraschend. "Sie hat doch gezeigt, dass man auch so ein schweres Thema realitätsnah anpacken kann, ohne gleich tief in die deprimierende Gefühlskiste zu greifen." Amerikanisch gedacht und deutsch gemacht - kein schlechter Ansatz, wenn es ums Filmemachen geht.



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