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teleschau - der mediendienst

10. Januar 2012
Interview: Rudi Cerne: "Nicht der Sheriff der Nation" Bild vergrößern 680 1020 http://img3.magnus.de/image-r680x1020-C-2825b02f-51236794.jpg © ZDF / Jens Hartmann
© ZDF / Jens Hartmann
Interview

Rudi Cerne: "Nicht der Sheriff der Nation"

Nein, Rudi Cerne will nicht "der Sheriff der Nation" sein, auch wenn er seit nunmehr zehn Jahren für Millionen von Fernsehzuschauern so etwas wie der verlängerte Arm des Gesetzes ist. Am 18. Januar 2002 moderierte der sympathische Ex-Eiskunstlaufstar zum ersten Mal "Aktenzeichen XY ... ungelöst".

Man kann weiß Gott nicht sagen, dass der 1967 von Fernsehlegende Eduard Zimmermann (er verstarb 2009) erfundene ZDF-Dauerbrenner unter Cernes Ägide Schaden genommen hätte. Beim Thema Zivilcourage wurden neue Akzente gesetzt, und das Publikum ist treu geblieben: 5,27 Millionen Zuschauer schalteten die Folge im Dezember ein. Am Mittwoch, 11. Januar, 20.15 Uhr, darf Cerne also durchaus stolz auf zehn Jahre "Aktenzeichen XY ... ungelöst" zurückblicken.

teleschau: Herr Cerne, braucht man eigentlich ein polizeiliches Führungszeugnis, um "Aktenzeichen XY ... ungelöst" zu moderieren?

Rudi Cerne: (lacht) Nee. Ich brauchte keines und habe keines. Ich bin auch nie straffällig geworden und habe, glaube ich, nicht mal Punkte in Flensburg.

teleschau: Und Sie sagen das, weil Sie ein absolut reines Gewissen haben ...

Cerne: Ja, ja, (lacht). Der Führerschein war mal weg für zwei Monate. Der Klassiker: An einer Autobahnbaustelle zu spät abgebremst. Aber die Punkte müssten längst verfallen sein. Ansonsten ist da wirklich nichts. Null!

teleschau: Sie wurden nur mal versehentlich verhaftet.

Cerne: Ja. 1978 verwechselten mich Polizisten am Düsseldorfer Flughafen mit dem RAF-Terroristen Christian Klar. Aber nach einer halben Stunde war ich wieder frei. Uralte Geschichte ...

teleschau: Die Zeiten haben sich geändert: Heute wären Sie, Fotohandys und Leserreportern sei Dank, am nächsten Tag groß in den Medien.

Cerne: Ja, aber die Technik ist in bestimmten Situationen auch ein Segen - gerade wenn es um schnelle Hilfe und Zivilcourage geht. Der Notruf 110 funktioniert immer und überall, sogar ohne Sim-Karte.

teleschau: Sie sagten einmal "Zivilcourage ist oberste Bürgerpflicht".

Cerne: Ja, und unterlassene Hilfeleistung ist strafbar. Wir wollen mit dem "XY-Preis" positive Beispiele für Zivilcourage herausgreifen und so dazu beitragen, dass sich das Thema noch stärker im Bewusstsein der Menschen verankert. Aber ich bin nicht der Sheriff der Nation. Niemand darf und soll sich selbst in Gefahr bringen. Aber man kann zum Handy greifen oder in die nächste Kneipe rennen und Hilfe holen ...

teleschau: Zivilcourage bleibt eines der großen Themen, auch weil die Schlagzeilen um "U-Bahn-Schlägereien" nicht abebben. Dabei sagt die Kriminalstatistik, dass die Jugendkriminalität zurückgeht ...

Cerne: Die Anzahl der Straftaten ist rückläufig, aber gleichzeitig wächst die Bereitschaft zur Gewalt. Und die Täter werden immer jünger. Dass für 20 Euro zugeschlagen wird, ist relativ neu. Neu ist auch, dass getreten und geboxt wird, bis jemand schwerverletzt oder tot ist. Erschütternd.

teleschau: Welchen Reim machen Sie sich darauf?

Cerne: Tut mir leid, ich kann nicht sagen, was in den Köpfen von Schlägern vorgeht, was mit Menschen los ist, die Holzklötze von der Autobahnbrücke runterschmeißen. Klar, man könnte über die Rolle der Medien reden, über brutale Computerspiele. Aber ich weiß nicht, ob das der richtige Ansatz ist. Wir wuchsen mit "Bonanza" und "Rauchende Colts" auf - da wurden Leute am hellichten Tag aus dem Sattel geschossen, wir spielten im Wald "Cowboy und Indianer". Aber irgendwie war immer klar, dass das nur Fiktion und Spiel war. Waren wir anders sensibilisiert? Womöglich spielt eine Rolle, dass in den 60er-Jahren die Schrecken des Krieges noch nicht so abstrakt waren wie heute. Es gab damals bei uns daheim nicht mal eine Spielzeugwaffe. Meinem Vater wurde im Krieg ein Bein abgeschossen - wenn der bei mir eine Plastikpistole entdeckt hätte, hätte er rot gesehen. Aber ich tu mich schwer, so etwas zu verallgemeinern. Gefährliches Terrain.

teleschau: Hat Sie die permanente Auseinandersetzung mit Straftaten in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Cerne: Ja. Ich bin zwar generell ein vorsichtiger Mensch, aber ich gebe zu, dass ich jetzt noch vorsichtiger bin. Die Zeit hat meine Sinne geschärft - auch wenn ich erst mal erschrak: Gleich in meiner allerersten Sendung ging es um Kindsmorde und nekrophile Täter, also Leute, die Leichen ausgraben, um sich daran zu vergehen - da dachte ich schon: Mein Gott, wo bin ich da nur hingeraten! Dann begriff ich, dass diese Dinge passieren - auch bei uns in Deutschland.

teleschau: Was lernten Sie noch?

Cerne: Zum Beispiel, dass die meisten Einbrüche nicht nachts, sondern am Vormittag geschehen - zwischen 10 und 12 Uhr. Dass sexuelle Missbräuche in der Regel nicht der ominöse finstere Mann begeht, sondern ganz oft der Nachbar, der Onkel ... Und jede Menge Kleinigkeiten - etwa, dass es nicht so gut ist, die Hecke daheim zu hoch wachsen zu lassen. Das hilft nämlich nicht nur gegen neugierige Blicke der Nachbarn, sondern schützt auch etwaige Einbrecher vor unliebsamen Überraschungen ... Mit diesen Dingen kenne ich mich jetzt gut aus.


teleschau: Als Sie mit "Aktenzeichen XY" begannen, war Ihre Tochter elf Jahre alt. Durfte Sie zusehen?

Cerne: Damals noch nicht - aber wenig später, so mit 13, 14 Jahren, schon. Ich glaube an den Präventionscharakter der Sendung. Man kann aus den nachgestellten Fällen lernen, dass man nachts nach der Disko nicht die Abkürzung über den einsamen Waldweg nimmt, dass man es, ganz allgemein, potenziellen Tätern möglichst schwer machen kann. Aber natürlich gibt es Verbrechen, gegen die man absolut machtlos ist.

teleschau: In Ihrer aktuellen Sendung greifen Sie den Fall einer Vergewaltigung einer jungen Frau bei "Rock am Ring" auf. - Sie war auf dem Weg zur Toilette, wurde von Unbekannten einfach weggezogen ...

Cerne: Ganz furchtbar. Solche Fälle meine ich: Zur falschen Zeit am falschen Ort - da kannst du dich nicht wehren.

teleschau: Gibt es einen Fall aus der Sendung, der Ihnen ganz besonders an die Nieren ging?

Cerne: Ja, der Fall der kleinen Levke Straßheim, der letztendlich ja auch durch unsere Sendung aufgeklärt werden konnte. Erst galt sie als vermisst, dann war klar, sie wurde ermordet. Die Darstellerin im Film sah Levke so ähnlich ... So etwas nimmt mich schon mit, es verfolgt mich auch ein Stück weit. Es ist ja ohnehin nicht ganz ohne, eine 90-minütige Livesendung zu moderieren. Ein anstrengender Job, aber auch ein sehr spannender.

teleschau: Da ist es fast ein Wunder: Sie sind 53 Jahre und haben noch kein graues Haar - wie geht das?

Cerne: (lacht) Ich weiß es nicht. Aber meine Tochter sagte neulich auch, dass sie immer wieder von ihren Kommilitoninnen gefragt wird: "Sag mal, lässt sich dein Vater die Haare färben?"

teleschau: Und lassen Sie?

Cerne: Nein! Vielleicht hat mich ja das Eis im Laufe der Jahre konserviert (lacht). Mein Vater wurde auch erst sehr spät grau - wahrscheinlich habe ich gute Gene. Aber so langsam sprießen die ersten kleinen grauen Spitzen hervor. Nicht schlimm - ich fühle mich wohl in meiner Haut!

teleschau: Tun Sie viel für Ihre Fitness?

Cerne: Ich passe schon auf, dass der kleine Bauch nicht zu präsent wird. Ich spiele viel Golf und Tennis, fahre ein bisschen auf dem Ergometer, gehe laufen, und natürlich zehrt ein Leistungssportler auch von seiner Vergangenheit: Wenn ich mal merke, dass ich zwei Kilos zu viel auf den Rippen habe und beim Sport nur ein bisschen die Schlagzahl erhöhe, springt der Stoffwechsel sofort an - die Pfunde schmelzen weg. Außerdem esse ich nur zweimal am Tag, abends keine Kohlenhydrate - etwas Disziplin gehört dazu.

teleschau: Weil es der Job vor der Kamera erfordert?

Cerne: Nun, Sport treibe ich vor allem, weil mir das den Kopf freimacht. Aber klar, es hat sicher mit einer gewissen Eitelkeit zu tun, die wahrscheinlich noch von meiner Zeit als Eiskunstläufer herrührt und beim Job vor der Kamera ja nicht das Schlechteste ist.

teleschau: Auf jeden Fall scheinen Sie den Übergang vom Hochleistungssport in die TV-Karriere geradezu spielend bewältigt zu haben ...

Cerne: Dabei hatte ich gar keinen Plan. Ich bin von einem Zufall in den nächsten reingestolpert (lacht). Alles begann mit einer Oberschenkelzerrung 1985 bei "Holiday On Ice": Ich musste für den Auftritt in Münster passen und hatte die undankbare Aufgabe, dem enttäuschten Publikum live am Mikro zu erklären, warum ich nicht laufen kann. Es gab ein paar Pfiffe, aber die meisten Leute haben laut geklatscht. So rutschte ich in eine Art Conférencier-Nebenjob hinein, bei dem ich wiederum auf die Idee kam, Heribert Faßbender vom WDR einen Beitrag als Blick hinter die Kulissen von "Holiday On Ice" anzubieten. Sieben Minuten in der Sendung "Sport im Westen" - das war mein Einstieg beim Fernsehen, wo, wie ich schnell feststellte, auch nur Menschen aus Fleisch und Blut arbeiteten.

teleschau: Eine Überraschung?

Cerne: (lacht) Erinnern Sie sich: Früher in den 80-ern hielt man die Leute vom Fernsehen doch für Wesen von einem anderen Stern. Ich landete nach ein paar Praktika und Hospitanzen schließlich beim Hessischen Rundfunk als Nachfolger von Hans-Joachim Rauschenbach als Eislaufkommentator.

teleschau: Ex-Leistungssportler trauern ja gerne mal den alten Zeiten hinterher ...

Cerne: Trauern tu ich nicht unbedingt, aber manchmal träume ich noch vom Eiskunstlauf - ich halte mich deswegen schon fast für bekloppt (lacht): Ich träume, dass ich in meiner heutigen Form noch einmal auf dem Eis stehe und mich warmmache, um bei einem großen Wettbewerb in der letzten Startgruppe zur Kür anzutreten ... Gleich muss ich raus!

teleschau: Und wie geht der Traum aus?

Cerne: Schlimm! Mir fehlt es an Kondition, Schritte und Sprünge klappen überhaupt nicht, Panik steigt hoch ... Jedenfalls bin ich jedesmal heilfroh, wenn ich aufwache.

teleschau: Sind Anspannung und Lampenfieber vor einer großen Kür vergleichbar mit einer Livemoderation im Fernsehen?

Cerne: Nein. Den Druck, den ich als Eiskunstläufer bei einer Welt- oder Europameisterschaft hatte, verspürte ich hinterher nie wieder. Ich frage mich heute selbst, wie ich damals meine Sinne zusammenhielt: Wenn sich hinter dir das Türchen schließt und du rausläufst auf die Eisbahn, die übrigens auch für einen Profi spiegelglatt ist, kann dir keiner mehr helfen - in den nächsten viereinhalb Minuten bist du alleine. Ich bin froh, dass ich diese extreme Anspannung nicht mehr erleben muss.

teleschau: Eine gute Schule fürs weitere Leben, oder?

Cerne: Absolut! Wenn ich bei "Aktenzeichen XY … ungelöst" auf fernsehunerfahrene Kommissare treffe, die nicht wissen, wohin mit ihrer Aufregung, dann lautet mein Rat: Nehmen Sie die Nervosität an, sie gehört dazu. Vielleicht schläft man vor lauter Anspannung mal eine ganze Nacht nicht, aber man kommt schon irgendwie zurecht, wenn man sich der Situation nur erst stellt. Augen zu und durch! Das klappt - im Leistungssport wie im Berufsleben.

teleschau: Gingen Sie so auch an den Job bei "Aktenzeichen XY" heran?

Cerne: (lacht) Ich dachte nur: Um Gottes willen, wie kommen die denn auf mich? Ich war total überrascht, ließ mich aber dann darauf ein, weil mich der Kontrast zum Sport reizte. Sicher war es ein Risiko, ungefähr so, als würde man eine neue Kür ausprobieren.

teleschau: Immerhin lösten Sie die Fernsehlegende Eduard Zimmermann ab, der die Sendung 1967 erfand. Was gab er Ihnen mit auf den Weg?

Cerne: Er bestärkte mich und riet mir, dass ich mir treu bleiben soll: "Versuchen Sie ja nicht, mich zu kopieren, sondern seien Sie am besten genauso wie beim Sport: absolut authentisch!"



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