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13. Januar 2012
Ratgeber: Ein kantiger Comebacker Bild vergrößern 680 452 http://img2.magnus.de/image-r680x452-C-978fea0-51179583.jpg © SAT.1 / Stefan Erhard
© SAT.1 / Stefan Erhard
Ratgeber

Ein kantiger Comebacker

Man kann sich vorstellen, dass das Arbeiten mit diesem Mann seine Untiefen hat. Schauspieler Jürgen Heinrich und sein Alter Ego, der vor sechs Jahren abgesetzte SAT.1-Serienkommissar Andreas Wolff, scheinen manchmal ein und dieselbe Person: geradlinig bis zur Schmerzgrenze, besessen von der eigenen Arbeit und immer unter Strom. Für einen solchen Mann muss es hart gewesen sein, als 2005 nach 13 Jahren "Wolffs Revier" abgesetzt wurde. Mit 173 Folgen war der Berliner Kommissar die langlebigste Krimifigur im deutschen Privatfernsehen. Heinrich fiel in ein Loch, wie er heute zugibt. Als er das Ende der Rolle seines Lebens gerade überwunden hatte, kam von SAT.1 die Idee eines Wolff-Comebacks in Form einer Krimireihe. Segen oder Fluch für den heute 66-jährigen Schauspieler?

teleschau: 2005 fiel die letzte Klappe für "Wolffs Revier" - die langlebigste Krimiserie im deutschen Privatfernsehen. Wie fanden Sie das?

Jürgen Heinrich: Ja, im Januar war Schluss - nach 173 Filmen. Ich habe die beiden letzten Folgen selbst inszeniert, wusste aber noch nicht, dass es die letzten sein würden. Damals war ich wohl der Einzige, der felsenfest davon überzeugt war, dass es weitergehen würde.

teleschau: Der Sender hat Sie damals schlecht behandelt?

Heinrich: Der Sender hat mich nicht schlecht behandelt. Unter den Senderchefs Fred Kogel und Martin Hoffmann hieß es: Lieber Jürgen Heinrich - nicht wir sagen Ihnen, wann Schluss ist. Sie sagen uns, wann Sie nicht mehr wollen. Ich hatte unfassbar tolle Arbeitsbedingungen.

teleschau: Dann kam ein neuer Senderchef und legte den Finger in die Wunde?

Heinrich: Roger Schawinski stellte damals alle Formate auf den Prüfstand ...

teleschau: Wie sind Sie damit umgegangen, als dann Schluss war?

Heinrich: Ich hatte zuvor zehn Monate im Jahr ausschließlich für diese Serie gedreht. Es war wie ein Fulltime-Job, den man liebt und plötzlich verliert. Ich habe Stoffe mit entwickelt, ein- bis zweimal im Jahr Regie geführt. Wir waren über viele Jahre hinweg ein tolles Team. Wenn so etwas dann plötzlich vorbei ist, fehlt einem schon etwas. Ich fühlte mich unterfordert.

teleschau: Das hört sich an, als wären Sie ein Workaholic gewesen.

Heinrich: Das ist richtig. Ich arbeitete rund um die Uhr für "Wolffs Revier". Außerdem machte ich pro Jahr noch ein bis zwei Fernsehfilme für andere Sender.

teleschau: Bekamen Sie nach "Wolffs Revier" keine Rollen mehr?

Heinrich: Doch, doch. Im ersten Jahr nach Wolff habe ich vier Filme gemacht. Das war viel, aber mir war das zu wenig. Ich hatte plötzlich zu viel Freizeit.

teleschau: Was haben Sie in der Zeit gemacht?

Heinrich: Ich fing an, Geschichten aus meinem ja nicht unspannenden Leben aufzuschreiben. Das war längst überfällig. Man vergisst ja so viel. Ich habe als DDR-Bürger Dinge erlebt, die man nicht verallgemeinern kann. Zum Beispiel bin ich genauso freiwillig aus der Partei ausgetreten, wie ich einst freiwillig eingetreten war. Das wurde sofort mit Berufsverbot belegt. Deshalb bin ich in den Westen gegangen. Das Ende von "Wolffs Revier" war im Gegensatz zu anderen Dingen in meinem Leben keine existenzielle Krise.

teleschau: Was ist für Sie - in der Rückschau - die besondere Leistung von "Wolffs Revier"?

Heinrich: Wir haben uns bemüht, einen Berlin-Krimi zu erzählen. Wir wollten eine spezifische Geschichte dieser Stadt im Wandel einer spannenden Zeit dokumentieren. Im Laufe der 13 Serienjahre sind wir Chronisten des Zusammenwachsens dieser Stadt geworden. Berlin war immer meine Lieblingsstadt in Deutschland. Auch deshalb habe ich mich mit dieser Serie so identifiziert.

teleschau: Warum war sie lange Zeit so ungemein erfolgreich?

Heinrich: Dafür gab es verschiedene Gründe. Berlin als spannendes Pflaster habe ich erwähnt. Dann gab es diesen alleinerziehenden Vater mit seiner zu Serienbeginn 14 Jahre alten Tochter. Mit ihr hatte Wolff meist mehr Schwierigkeiten als mit der Lösung seiner Fälle. Die Tochter polarisierte, ihr Heranwachsen haben die Leute begleitet. Viele Eltern haben sich da wieder gefunden. Natürlich war es auch der Polizist selbst, den die Leute sehen wollten: Jenen einsamen Wolff, den nichts vom Wege abbringen konnte - ein starker Held!

teleschau: Sie haben Wolff Ihr Gesicht gegeben - hat er auch Sie geprägt?

Heinrich: Wir haben beide stark voneinander profitiert. Ich war immer davon überzeugt, wenn ich mal eine Serie mache, darf ich darin keine Kunstfigur verkörpern. Deshalb habe ich Wolff viel von Jürgen Heinrich gegeben.

teleschau: Was hat er denn von Ihnen?

Heinrich: Meine Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, Hartnäckigkeit - meinen Charme und meine Sensibilität. Außerdem hatte Wolff etwas, was es so noch nicht gab: Wolff konnte mit Tätern mitleiden und vertrat die Meinung, dass in jedem von uns ein potenzieller Täter steckt. Und dass wir von Glück reden können, wenn wir nicht in Umstände geraten, die das wachrufen. Das hat Wolff von mir - weil das auch meine persönliche Meinung ist.

teleschau: Sind Sie in sieben Jahren ohne "Wolffs Revier" ein anderer Mensch geworden?

Heinrich: Ich brauchte geraume Zeit, um zu begreifen: Es ist auch ein Glück, dass es vorbei ist. Weil ich plötzlich wieder lebte. Weil ich meine Frau und Kinder wieder umfänglicher wahrgenommen habe. Dafür war vorher nicht so viel Zeit! Als ich vor zwei Jahren dann gefragt wurde: "Würdest du wieder bei 'Wolff' mitmachen?", sagte ich, dass ich nie wieder eine Serie machen würde. Aber geplant war auch nur eine Reihe. Und genau das hat mir gefallen.

teleschau: Wie viele neue Wolff-Filme würden Sie gerne machen, sofern der Sender das Projekt über den Piloten hinaus verlängert?

Heinrich: Zwei bis drei Filme pro Jahr fände ich ideal. Das Konzept ist ja auch stark verändert. Früher war "Wolff" ein Märchen für Erwachsene. Der unschlagbare Held, der die Bösen zur Strecke bringt. Den nichts umwerfen kann - denn nächste Woche steht er ja wieder in der Programmzeitschrift. Das ist jetzt anders. Wir begegnen einem kaputten Mann, der aber immer noch weiß, was er will. Dessen Instinkte noch intakt sind, dem aber auch alles passieren kann. Jeder folgende Film würde an der Stelle einsetzen, an welcher der letzte endete. Eine ganz und gar offene Erzählung.

teleschau: Werden Sie am Tag nach der Ausstrahlung des neuen "Wolff"-Films sehr nervös auf die Quote gucken?

Heinrich: Ein bisschen schon. Klar ist, wenn der Film keinen Erfolg hat, wird es keinen weiteren Versuch geben. Aber es wäre schade. Durch die neue Erzählweise hätte Wolff ein Weiterleben absolut verdient. Das ist ein Film, der mit seinem ungeheuren Tempo und seiner Spannung einen Sog erzeugt und vor allem auch die jüngeren Zuschauer anspricht. Ich bin total begeistert von diesem Film. Denn dieser neue Wolff geht seinen eigenen Weg - und keiner weiß, wo der endet.

Person
Schauspieler Jürgen Heinrich
Medienzuordnung television




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