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© ORF / Petro Domenigg
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Hintergrund
Birgit Minichmayr - Mit dem Bär ins Bett
Erstaunlich hart geht Birgit Minichmayr mit der glücklosen Schauspielerin Adele Spitzeder ins Gericht, die sie jetzt im Film von Xaver Schwarzenberger verkörpert. Eine "korrupte Verbrecherin" nennt sie die Berufskollegin aus dem 19. Jahrhundert, die sich "unter dem Mantel der Wohltätigkeit" bereichert habe und eine "PR- Maschinerie für sich selber" schuf.
Immerhin: "Vampirismus und Wohltätigkeit" sieht sie bei der massenhaften Betrügerin aus Not am Werke, die zu König Ludwigs Zeiten ein Schneeballsystem erfand, das nicht wenig an heutige Geldgepflogenheiten erinnert. Wie gut, dass die 34-jährige, in der Nähe von Linz geborene Oberösterreicherin das in dem Film "Die Verführerin - Adele Spitzeder" (ARD, Mi., 11.01., 20.15 Uhr) dann doch ganz anders spielt.
Mit Strickjacke und Tupfenkleid, dezent geschminkt und mit einer Riesenhornbrille auf der Nase, tritt sie einem beim Gespräch entgegen, die zierliche, aber nicht kleine Person (1,69 Meter), die spätestens seit ihrem Berlinale-Erfolg in Maren Ades "Alle anderen" im Februar 2009 zu den ganz Großen des Darstellergewerbes zählt. Der Film, in dem es um ein ungleiches Pärchen jenseits der 30 geht - sie PR-Frau von Beruf, er ein erfolgloser Architekt, der am Feriensitz zunehmend an sich selbst zu zweifeln beginnt - wurde 2007 auf Sardinien gedreht. Minichmayr bewältigte das Kammerspiel an der frischen Luft mit verblüffender Sensibilität, hatte man sie bis dato doch eher für eine rigorose burschikose Kraftmeierin gehalten, für die darüber hinaus Erotik alles andere als ein Fremdwort ist.
In Österreich, wo sie gerne mit Superlativen im Skifahrer-Jargon hantieren, nennt man sie ungeniert "die derzeit erfolgreichste Schauspielerin Österreichs". An der Seite ihres Lieblingspartners Nicholas Ofczarek darf sie die Buhlschaft im Salzburger "Jedermann" spielen, eine der höchsten Auszeichnungen, die Theater-Österreich zu vergeben hat. Zum Bedauern der Wiener hingegen ist Minichmayr allerdings jüngst aus dem Burgtheater geflüchtet, dem - zumindest in den Augen der Österreicher - Zentrum der europäischen Bühnenkultur. Der Regisseur Jan Bosse hatte sich auf "die geilste Lulu aller Zeiten" gefreut. Doch die Konzeption für das Wedekind-Stück war für Minichmayr ungenügend.
Sie mag, schauspielerisch gesehen, die festgefügten, klar umrissenen Vorgaben. Maren Ade beispielsweise habe für "Alle anderen" viel geprobt, doch habe jedes Wort und jede Geste zuvor völlig festgestanden. Bei Schwarzenberger auf andere Weise ebenso - der ehemalige Fassbinder-Kameramann sei bei seiner Regie nach dem Prizip des "One Take" verfahren, habe also nur eine Aufnahme für jede Einstellung gemacht. Minichmayr war auf diese Weise "hoch konzentriert - wie bei einer kleinen Premiere".
Mit dem Bär ins Bett
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Adele Spitzeder (Birgit Minichmayr) als Schauspielerin: Ihre Karriere blieb ohne Erfolg. Sie begann mit 25 in Coburg und endete in Altona (im Film: in Wien).
© ORF / Petro Domenigg
Ausgebildet am Wiener Max-Reinhrdt-Seminar, fühlt sich Minichmayr auf der Bühne genauso zu Hause wie im Film. Schon der Start ihrer Karriere verlief zweigleisig: An der Burg spielte sie 1999 die "Dirne" in Schnitzlers "Reigen", in Jan Schüttes Film "Brechts letzter Sommer" war sie die Brecht-Tochter Barbara. Mit ihrer starken, leicht verrauchten Stimme beherrschte sie die Wiener Burg wie den Domplatz gleichermaßen. Sie kann aber auch ganz zurückgenommen sein: Mit dem Sänger Campino sang sie 2008 die intime Ballade "Auflösen" ("Ich habe nichts zu fragen, ich habe nichts zu sein"), eines der schönsten Liebeslieder der letzten Zeit. Da wurde den beiden gleich eine später dementierte Liaison im echten Leben nachgetragen.
In "Adele Spitzeder" ist ein kleines Barcarolen-Duett mit der von Adele geliebten Bediensteten eine der schönsten Stellen. Im Film galt es für Minichmayr vor allem die "große Wunde" der Spitzeder zu zeigen, die diese davon getragen habe, "weil sie keine Künstlerin geworden ist". In der Rolle galt es letztlich, "eine schlechte Schauspielerin zu spielen, ohne dabei selber schlecht zu wirken". Kein leichtes Unterfangen - Zweifel kamen denn auch zunächst an der Rolle auf. Letzte Bedenken räumte jedoch die Mutter aus, mit der sie "alles" bespricht und die - "Sie ist eine Leseratte!" - jedes ihrer Drehbücher liest. Die Betrügerin Adele Spitzeder fand die Mutter spannend. Zur Familie in Oberösterreich zieht es Birgit Minichmayr immer wieder hin, zwei jüngere Brüder begleiten regelmäßig ihre Premieren.
Trotz eines festen Engagements am Münchner Residenztheater seit dieser Saison, wo sie unter anderem als "Weibsteufel" zu sehen ist, pendelt sie zwischen München und Wien. Die Frage nach einem "gegenwärtig festen Lebenspartner" wird mit einem kleinen Seufzer abschlägig beschieden und leichthin so begründet: "Den kann man sich ja nicht an jeder Ecke kaufen." Indessen hält der kleine Silberne Bär, den sie als "Beste Darstellerin" 2009 bekam, eisern die Stellung neben ihrem Bett: "Als Buchbeschwerer - das macht er wirklich gut." Zum weiteren Durchbruch hat ihr das Tierchen freilich vorerst nicht verholfen. Im Gegenteil: Die Filmangebote blieben "zwei Jahre lang" erst mal, wohl vor lauter Ehrfurcht, aus. Zudem seien die von ihr bevorzugten Arthouse-Filme eben "schwer zu finanzieren". Bei "Adele Spitzeder" hat sie zum ersten Mal seit Jahren wieder für das Fernsehen gedreht.
Immer noch liebt die Schauspielerin, die auf Nachfrage von sich sagt, "eher großzügiger" zu sein und gerne auch mal andere einzuladen, ihre alte Wirkungsstätte Wien: "Um es patriotisch zu sagen: Es gibt halt nix Schöneres, als am Burgtheater engagiert zu werden. Mich verbindet eine große Liebe mit dem Haus - wahrscheinlich lebenslänglich." Warum dann aber der Wechsel? - "Weil ich immer wieder neu anfangen will. Ich mag das, das weiße, unbeschriebene Blatt Papier!"