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© Miriam Knickriem
© Miriam Knickriem
Interview
Anja Kling - Eine erstaunliche Karriere
Noch vor zehn Jahren spielte Anja Kling in ARD-Degeto-Schmonzetten. Während der 90-er reiste sie auf dem "Traumschiff" mit oder spielte in biederen Serien hübsche, höhere Töchter. Heute sind die Rollen der Anja Kling handverlesen. Alle Sender reißen sich um die 41-Jährige, wenn es um wichtige Filme geht. Seien es nun sogenannte Event-Produktionen oder Fernsehspiele mit Anspruch. Hinzukommt, dass Anja Kling in allen denkbaren Genres überzeugt und damit deutlich vielseitiger aufgestellt ist als andere weibliche Quotengaranten. Allein in den letzten drei Monaten spielte die zweifache Mutter aus Potsdam in drei Klasseproduktionen unterschiedlicher Sender: Im ARD-Psychodrama "Es ist nicht vorbei" verkörperte sie die ehemalige Insassin eines DDR-Frauengefängnisses, im ZDF-Vergewaltigungsthriller "Es war einer von uns" war Kling die beste Freundin von Hauptdarstellerin Maria Simon. Nun steht sie bei SAT.1 in der ersten Reihe. In "Hannah Mangold & Lucy Palm", dem erstaunlichsten Krimiformat, welches das deutsche Privatfernsehen seit Langem hervorbrachte, beweist Anja Kling am Dienstag, 24. Januar, 20.15 Uhr, als psychisch labile Kommissarin Mut zur Hässlichkeit.
teleschau: Sie sind eine der ganz wenigen deutschen Schauspielerinnen, die bei allen Sendern - egal ob privat oder öffentlich-rechtlich - große Hauptrollen spielt. Woher kommt das?
Anja Kling: Zunächst mal bin ich total froh, dass ich nicht mehr in einer "Klischeekiste" feststecke. Ich darf alle Genres spielen - von Komödie über Thriller bis Drama. Und das bei allen Sendern. Aber erklären, warum ich so klischeefrei spielen darf, kann ich nicht. Ich bin dankbar dafür und will es gar nicht so sehr hinterfragen - vielleicht ist es dann vorbei (lacht).
Eine erstaunliche Karriere
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Klopft auf Holz: Anja Kling freut sich ungläubig über ihre erstaunliche Karriere der letzten zehn Jahre.
© Miriam Knickriem
teleschau: Benötigt man unterschiedliche Qualitäten, um bei unterschiedlichen Sendern Erfolg zu haben?
Anja Kling: Das fragen Sie die Falsche - aber die Antwort würde mich auch interessieren. Vielleicht müsste man die Verantwortlichen von ARD, ZDF, SAT.1 und RTL mal an einen Tisch setzen und fragen, welche Art von TV-Stars sie haben wollen. Ich achtete bei der Auswahl meiner Rollen nie auf den Sender, sondern immer auf das Projekt und sein Drehbuch. Da ich irgendwann von allen Sendern gute Bücher auf dem Tisch hatte, bekam ich keinen Grund, anders zu denken.
teleschau: Im November spielten Sie im ARD-Drama "Es ist nicht vorbei" eine Frau auf dem Weg in die Psychiatrie, in "Hannah Mangold" werden Sie aus selbiger gerade entlassen ...
Anja Kling: Ja, toll - nicht? Früher habe ich in Serien wie "Hagedorns Tochter" das hübsche, etwas hochnäsige Mädchen aus gutem Hause gespielt - und kam lange Zeit nicht aus dieser Schublade raus. Aber ich sagte immer zu meiner Mutter, die ja auch meine Agentin ist: "Warte mal ab, bis ich älter werde - dann kommen auch bessere Rollen." Das ist tatsächlich so gekommen.
teleschau: Sie gehören also zu den wenigen Menschen, die sich übers Älterwerden freuen?
Anja Kling: Ja, das ist so. Wenn ich nicht mehr aufs Äußerliche reduziert werde, fühlt sich das für mich sehr gut an. Als Taktik kann das natürlich auch schiefgehen. Nach dem Motto: "Früher spielte sie nur schlecht, aber jetzt sieht sie auch noch miserabel aus ..." (lacht)
teleschau: Zurück zur Psychiatrie. Wie haben Sie sich auf diese labilen Charaktere vorbereitet, die Sie in letzter Zeit verkörperten?
Anja Kling: Bei "Es ist nicht vorbei", dem Film über das DDR-Frauengefängnis in Hoheneck, gab es ja die echten Frauen, ehemalige Inhaftierte, die über ihr Trauma berichteten. Da fand ich es interessant, wie unterschiedlich die Frauen reagierten, wenn sie viele Jahre später wieder nach Hoheneck zurückkamen und mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wurden. Da musste ich mich gemeinsam mit der Regisseurin entscheiden, welche Variante davon - auch "wie groß" ich das spiele. Das war nun auch wieder bei "Hannah Mangold" die Frage. Wie spielt man Angst und Wahnvorstellungen - Begleiterscheinungen eines Traumas? Wenn man es sehr expressiv tut, mit irren Zitteranfällen vor der Kamera, kann das ziemlich in die Hose gehen.
teleschau: Für welche Spielweise haben Sie sich also entschieden?
Anja Kling: Auch bei "Hannah Mangold" haben Regisseur Florian Schwarz und ich uns entschieden, es reduziert anzugehen. Hannah Mangold ist als Mensch eher in sich gefangen. Sie sieht Dinge, die andere nicht sehen. Aber sie versucht auch, mit diesen Halluzinationen zu leben und umzugehen.
teleschau: Sie sehen in dieser Rolle ziemlich fertig aus ...
Anja Kling: (lacht) Sie haben Recht! Zum einen ist das ja auch gewollt, denn die Frau kommt gerade aus der Psychiatrie. Da wäre es komisch, wenn sie aussehen würde wie das blühende Leben. Andererseits ist das aber auch diese neue HD-Qualität. Die macht einen nicht unbedingt schöner.
teleschau: Wünschen Sie sich das alte Filmmaterial zurück?
Anja Kling: Manchmal schon. Diese neue Digitaltechnik und HD - das ist schon ein gnadenloses Paket. Wir Schauspieler müssen uns erst mal daran gewöhnen, wie wir jetzt aussehen (lacht). Dazu kommt, dass es durch das Digitale keine Materialengpässe mehr gibt und einfach mehr Wiederholungen gedreht werden. Die alte Technik schonte den Schauspieler, weil es billiger war, weniger zu drehen. Hinzu kommt, dass bei digitaler HD-Technik noch besser ausgeleuchtet werden muss, um stimmungsvolle Bilder zu erzeugen. Bei "Hannah Mangold" ist das jedoch gelungen - das sind sehr stimmungsvolle Bilder.
teleschau: "Hannah Mangold" ist ein ziemlich ambitionierter Krimi. Klug geschrieben, mit abgründigen, teilweise sperrigen Figuren. Kann daraus eine Krimireihe werden?
Anja Kling: Das ist zumindest die Option. Wir wissen aber noch gar nichts. Das wird vielleicht keine Reihe, die zehn Jahre laufen wird. Wie immer entscheidet natürlich der Zuschauer. Wir haben alle sehr große Lust auf das Projekt. Ich denke, dass man von Teil zu Teil plant. Wenn einer erfolgreich läuft, wird es wahrscheinlich einen nächsten geben und so weiter.
teleschau: Drehen Sie derzeit so viel, wie es die Fülle ausgestrahlter Filme mit Ihnen suggeriert?
Anja Kling: Mit welcher Verzögerung gedrehte Filme ausgestrahlt werden, darauf hat man als Schauspieler keinen Einfluss. Insofern ist der Eindruck manchmal falsch, wenn man denkt: "Oh - die ist aber gut im Geschäft", nur weil innerhalb von vier Monaten vier Filme mit einem laufen. Ich mache etwa drei Filme im Jahr - so im Schnitt. 2011 waren es sogar nur zwei 90-Minüter und ein paar kleinere Rollen. Zum Beispiel in den Kinderfilmen "Hanni und Nanni" und "Fünf Freunde". Da bin ich als Mutter sozusagen nur mal kurz zu Gast.
teleschau: Ihre eigenen Kinder lassen Ihnen mittlerweile mehr Freiheiten?
Anja Kling: Mit sieben und elf Jahren haben die gerade ein sehr entspanntes Alter. Wenn Kinder aus dem Gröbsten raus sind, geht man als Mutter tatsächlich etwas entspannter arbeiten. Aber ich bin natürlich auch viel daheim, und man sollte nicht meinen, dass es als Mutter nach dem Kleinkindalter nichts mehr zu tun gäbe (lacht).
teleschau: Welche Filme kommen 2012 noch mit Ihnen?
Anja Kling: Fürs ZDF habe ich an der Seite von Mark Waschke unter der Regie von Kai Wessel "Ausgerechnet Lulu" gedreht. Da spiele ich ebenfalls eine Polizistin in einem Krimi, den Thomas Kirchner geschrieben hat. Und dann gibt es noch ein Projekt fürs ZDF unter der Regie von Isabel Kleefeld - "Die Windscheidts". Das könnte eine neue Familienreihe oder -Serie werden. Aber auch da haben wir jetzt erst einmal 90 Minuten gedreht. Mir gefällt das Format super, weil es alle sozialen und politischen Entwicklungen unserer Zeit in eine Familienerzählung integriert. So, wie es früher mal in "Die Unverbesserlichen" oder "Diese Drombuschs" der Fall war. Mal sehen, wie so etwas heute ankommt.
teleschau: Glauben Sie, dass anspruchsvolle Familienserien im heutigen Fernsehen fehlen?
Anja Kling: Das finde ich schon. Heute läuft vor allem der Krimi - in allen seinen Facetten, und da habe ich auch nichts dagegen. Dennoch fehlen natürlich Formate, die den deutschen Alltag auf anspruchsvolle und kluge Weise abbilden - abseits des Krimis. Gerade deshalb wird "Die Windscheidts" ein wichtiges Experiment im deutschen Fernsehen. Wir hoffen, dass der Film schon in April laufen kann.
teleschau: Erleben Sie gerade Ihre beste Zeit als Schauspielerin?
Anja Kling: Ich kann nur fortwährend auf Holz klopfen. Seit zehn Jahren gab es kein einziges Jahr, in dem ich mich hätte beschweren können. Ich bin eher gespannt, wie lange das noch so weiter geht. Wie lange man mich noch lässt ... (lacht)